Berthe Morisot

Berthe Morisot

*14.01.1841 — †02.03.1895

Die Beziehung zu Édouard Manet

Berthe Morisot schloss nach der Heirat ihrer Schwester enge Freundschaft mit Édouard Manet. Die Beziehung zu dem mit Suzanne Leenhoff verheirateten Künstler war mit hoher Wahrscheinlichkeit rein platonischer Natur. Die beiden begegneten sich für gewöhnlich nur in Situationen, in denen auch noch weitere Personen anwesend waren. Anders als die meisten ihrer Zeitgenossen war Berthe Morisot sehr früh davon überzeugt, dass Édouard Manet den Kreis der zeitgenössischen Maler überragte. Es lässt sich allerdings schwer abschätzen, welchen Einfluss diese Erkenntnis auf ihr eigenes Schaffen hatte. Auffallend ist jedoch, dass sie in den ersten Jahren ihrer Freundschaft zu Édouard Manet weniger malte als in den Jahren davor.

Schon zu Beginn ihrer Bekanntschaft bat Édouard Manet Berthe Morisot, ihm Modell zu sitzen. Diese Bitte war ungewöhnlich, denn Töchter respektabler Familien ließen sich zwar von Kunstmalern porträtieren, dienten dabei aber nicht als eigentliches Modell und Sujet eines Künstlers. Für gewöhnlich gehörten weibliche Modelle zu jener Zeit der Unterschicht an und standen nicht selten ihrem Auftraggeber auch sexuell zur Verfügung. Allerdings wurde es während der letzten drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zunehmend üblicher, dass Künstler ihre Freunde, Verwandten und Bekannten als Motiv ihrer Werke wählten. Um den gebotenen Anstand zu wahren, wurde Berthe Morisot meist von ihrer Mutter Marie Cornélie Thomas ins Atelier von Édouard Manet begleitet. Insgesamt hat der Künstler Berthe Morisot auf elf Ölgemälden und einem Aquarell dargestellt. Diese Gemälde waren nicht für den Kunsthandel bestimmt – sieben davon blieben dann auch bis zum Tod Manets sein Eigen. Die restlichen Werke, nämlich vier Ölgemälde sowie das Aquarell, gelangten in den Besitz von engen Freunden oder ausgewiesenen Kunstkennern, welche Manet nahe standen.

Das erste Gemälde Édouard Manets, das Berthe Morisot zeigt, ist Der Balkon, ein von Goyas Maja auf dem Balkon inspiriertes Gruppenbild. Berthe Morisot ist darauf gemeinsam mit Manets Bekannten Antoine Guillemet sowie der Violinistin Fanny Claus zu sehen. Es wurde 1869 im Pariser Salon ausgestellt und traf dort auf unterschiedliche Reaktionen. Sämtliche späteren Porträts, auf denen Berthe Morisot von Édouard Manet abbildet wird, sind deutlich intimer. Das Folgebild mit dem Titel Die ruhende Berthe Morisot zeigt eine gedankenverlorene, weiß gekleidete Frau, die sich auf einem Sofa zurücklehnt. Dieses Bild findet sein Pendant in dem fast zeitgleich entstandenen Gemälde Eva vor der Staffelei. Die dabei Porträtierte Eva Gonzalès gehörte einer ähnlichen sozialen Schicht wie Berthe Morisot und Édouard Manet an, war aber um sechs Jahre jünger als Morisot. Morisot bat Édouard Manet, Eva Gonzalès in Malerei zu unterrichten. Das Verhältnis zwischen Berthe Morisot und Eva Gonzalès war aber nicht immer ungetrübt. In einem Brief an ihre Schwester Edma beklagte sich Berthe Morisot:

Manet predigt mir und hält mir die unvermeidliche Mademoiselle Gonzalès als Beispiel vor; sie weiß, was sie will, ist beharrlich, und weiß ihre Vorstellungen auch umzusetzen, während ich zu nichts in der Lage bin. Währenddessen sitzt sie ihm jeden Tag [als Modell]…

Für den Pariser Salon des Jahres 1870 plante Berthe Morisot zwei Gemälde einzureichen. Eines davon, nämlich Der Hafen von Lorient, ist nach Ansicht von Berthe Morisots Biografin Anne Higonnet einer der frühen Höhepunkte im Schaffen von Berthe Morisot. Meisterhaft ausgeführt in Perspektive, Ausgewogenheit und Farbharmonie, sind einzelne Partien des Gemäldes scheinbar nur flüchtig ausgeführt und unfertig. In seiner Gesamtheit gibt das Bild den traditionellen Eindruck einer lichtdurchfluteten Landschaft wieder. Die Tiefenwirkung, die dabei erweckt wird, verblüfft. Berthe Morisot erzielt diese Wirkung dank des Einsatzes einer neuartigen Malweise: dynamisch strukturierte Oberflächen, die den Pinselstrich ersichtlich machen, und durch das Nebeneinandersetzen gesättigter Farben. Auch Édouard Manet würdigte die hohe Qualität des Gemäldes. Anders dagegen verhielt es sich beim zweiten Gemälde, das Berthe Morisot einreichen wollte.

Es zeigt Berthe Morisots Mutter, lesend neben der auf dem Sofa sitzenden Edma. Die Maße dieses Werks betragen 101 mal 82 Zentimeter. Somit ist es wesentlich größer als die meisten anderen Bilder von Morisot. Pierre Puvis de Chavannes, einer der befreundeten Maler der Familie, kritisierte die aus seiner Sicht misslungenen Köpfe. Berthe Morisot bat darauf Édouard Manet um Rat. Dieser befand das Gemälde für in Ordnung; lediglich an dem unteren Rand eines der Kleider fand er etwas zu bemängeln. Mit Hilfe von Berthe Morisots Palette und Pinseln setzte er zuerst einige kleine Akzente, ließ es dann aber nicht dabei bewenden:

…einmal dabei, war er nicht mehr aufzuhalten; nach dem Kleid nahm er sich den Busen vor, nach dem Busen den Kopf und schließlich auch den Hintergrund. Er riss einen Witz nach dem anderen, lachte wie ein Irrer, reichte mir die Palette, nahm sie mir wieder ab; um fünf Uhr nachmittags hatten wir die beste Karikatur geschaffen, die es je zu sehen gab.

Für Berthe Morisot folgten qualvolle Wochen, in denen sie mit sich rang, ob sie das Bild tatsächlich ausstellen sollte. Ihre Hoffnung, dass die Jury das Gemälde ablehnen würde, erfüllte sich nicht. Ihrer Mutter gelang es, das Gemälde zurückzuerhalten, doch die Rücknahme des von Manet überarbeiteten Gemäldes würde Edouard Manet deutlich machen, wie sehr er seine Grenzen überschritten hatte. Die Belastung zeigte sich auch in einer zunehmenden physischen Erschöpfung. Ohnehin schon sehr mager fühlte sie sich kaum noch in der Lage, Nahrung zu sich zu nehmen. Letztlich wurden beide Bilder erfolgreich auf dem Pariser Salon gezeigt.

Textquelle: Seite „Berthe Morisot“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 16. Mai 2011, 17:12 UTC. URL: http://de.wikipedia.org... (Abgerufen: 12. Juni 2011, 09:30 UTC) Lizenz: CC-by-SA-3.0
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