Westsaharakonflikt (Seit 1975)

Westsaharakonflikt (Seit 1975)

Westsaharakonflikt (Seit 1975)

Portrait

Vorgeschichte

Das Gebiet der Westsahara war zum Ende des Zweiten Weltkrieges eine spanische Kolonie. Die einheimische Bevölkerung hatte sich der Kolonialisierung bis in die 1930er-Jahre hinein widersetzt. Nachdem Marokko 1956 von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassen wurde, verstärkte sich auch in der Westsahara der Widerstand gegen die spanische Fremdherrschaft. Marokko und Mauretanien brachten die Westsahara-Frage 1963 vor den Entkolonialisierungsausschuss der Vereinten Nationen. In der Resolution 2072 fordert die Vollversammlung der Vereinten Nationen Spanien auf, die Westsahara zu entkolonialisieren und der Bevölkerung das Recht auf Selbstbestimmung zu gewähren. 1967 erklärte sich Spanien dazu bereit, ein Referendum über den Status der Westsahara durchzuführen. Die Anrainerstaaten Marokko und Mauretanien unterstützen dieses Vorhaben. Nachdem Spanien die Durchführung dieses Referendums immer weiter hinausgezögert hatte, gründete sich 1973 die saharauische Befreiungsbewegung POLISARIO, die einen bewaffneten Widerstand gegen die spanische Herrschaft begann.

Rückzug Spaniens

Fatima erzählt von ihrem Alltag in Dakhla, ein Flüchtlingslager der Sahraouis in Algerien

Seit 1974 forderte der marokkanische König Hassan II. den Anschluss der Westsahara an Marokko ohne die Durchführung eines Referendums. Ende 1974 kündigte Spanien an, im folgenden Jahr die Bevölkerung in einem Referendum über die Zukunft der Westsahara entscheiden lassen zu wollen. Mauretanien und Marokko erwirkten noch im selben Jahr die Resolution 3292 der VN-Vollversammlung: Spanien wird aufgefordert, das Referendum nicht durchzuführen. Stattdessen soll der Internationale Gerichtshof ein Gutachten zur Zugehörigkeit des westsaharischen Gebietes erstellen. Der Internationale Gerichtshof wog zwischen den historischen Bindungen der Westsahara an Marokko und Mauretanien auf der einen Seite, und dem Recht des saharauischen Volkes auf Selbstbestimmung ab. Das endgültige Gutachten wurde 16. Oktober 1975 veröffentlicht und stellte fest, dass das Selbstbestimmungsrecht einen höheren Wert hat. Daher solle die Bevölkerung der Westsahara in einem Referendum über seine Zukunft entscheiden. Noch am gleichen Tag kündigte Hassan II. einen Marsch marokkanischer Zivilisten in die Westsahara an, um die historischen Bindungen zwischen Marokko und der Westsahara zu unterstreichen. Nachdem marokkanisches Militär im Vorfeld in der nördlichen Westsahara eingedrungen war, um ein Eingreifen Algeriens zu verhindern und um POLISARIO-Kräfte zu binden, fand der Grüne Marsch vom 6. bis 10. November statt. Marokko hatte 350.000 Teilnehmer organisiert, die an mehreren Stellen die marokkanisch-westsaharische Grenze überschritten und einige Kilometer tief in westsaharisches Gebiet vorstießen. Ein Vorstoß auf die Hauptstadt Al-Aiun fand jedoch wegen der spanischen Militärpräsenz nicht statt. Als Ergebnis von Verhandlungen zwischen Marokko, Mauretanien und Spanien beschloss das spanische Parlament, die Kolonialherrschaft über die Westsahara zum 28. Februar 1976 aufzugeben.

Annexion und Widerstand

Der Grüne Marsch im November 1975. Marokko kämpft um den Anschluss von Spanisch-Sahara (dem späteren Westsahara).

Der Grüne Marsch im November 1975. Marokko kämpft um den Anschluss von Spanisch-Sahara (dem späteren Westsahara).

Nachdem am 26. Februar 1976 eine Versammlung saharauischer Stammesfürsten der Aufteilung der Westsahara zwischen Marokko und Mauretanien zustimmte, rief die POLISARIO am 28. Februar 1976 die Demokratische Arabische Republik Sahara aus. Marokko und Mauretanien werteten die Zustimmung der Stammesfürstenversammlung jedoch als ausreichende Zustimmung des Volkes, so dass sie auf ein weiteres Referendum verzichteten und das Gebiet der Westsahara unter sich aufteilten: Marokko annektierte die nördlichen zwei Drittel der Westsahara, Mauretanien das südliche Drittel. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen forderte jedoch in der Resolution 3458 weiterhin die Durchführung eines Referendums. Die POLISARIO, die seit 1975 finanziell und militärlogistisch von Algerien unterstützt wurde, focht einen intensiven Widerstandskampf gegen Marokko und Mauretanien. In Folge dieses Kampfes erklärte Mauretanien 1979 den Verzicht auf alle Ansprüche in der Westsahara, woraufhin Marokko auch das südliche, ehemals mauretanische verwaltete Drittel der Westsahara annektierte. Im weiteren Verlauf der Kämpfe konnte Marokko die POLISARIO-Kämpfer immer weiter ins Landesinnere zurückdrängen. Parallel dazu wurde ein System von Mauern angelegt, welches das Eindringen von POLISARIO-Kämpfern in marokkanisch kontrolliertes Gebiet verhindern soll. Dieses Mauersystem wurde nach jedem bedeutenden Gebietsgewinn Marokkos erweitert, um die neu kontrollierten Gebiete zu schützen. Seit 1991 beträgt die Länge der äußersten Maueranlage, die das marokkanisch kontrollierte Gebiet vom POLISARIO-Gebiet trennt, ca. 2.500 Kilometer. Die Teile der einheimischen Bewohner, die auf Seiten der POLISARIO kämpften, flohen nach Algerien, wo ca. 180.000 Saharauis seit 1976 in Flüchtlingslagern bei Tindouf leben und beinahe vollständig von Hilfslieferungen der EU, der Vereinten Nationen und anderer internationaler nichtstaatlicher Organisationen abhängig sind. Der offene Kampf zwischen Marokko und der POLISARIO wurde 1991 durch einen Waffenstillstand beendet. Der Waffenstillstand wird von den Vereinten Nationen durch die MINURSO-Mission überwacht. 2005 konnten die letzten 404 marokkanischen Soldaten, die bis zu 19 Jahren in POLISARIO-Gefangenschaft verbracht hatten, nach Marokko zurückkehren.

Status Quo

Marokko kontrolliert derzeit die westlichen zwei Drittel des Landes, die die gesamte Küste, alle größeren Städte sowie die bedeutenden Phosphatvorkommen der Westsahara umfassen. Die POLISARIO bzw. die von ihr ausgerufene Demokratische Arabische Republik Sahara kontrollieren das Hinterland. Der größte Teil ihrer Angehörigen lebt jedoch außerhalb der Westsahara in westalgerischen Flüchtlingslagern. Die Demokratische Arabische Republik Sahara wird international von ca. 50 Staaten anerkannt. Sie ist Mitglied der Afrikanischen Union. Marokko hat die Afrikanische Union als Reaktion auf die Aufnahme der Republik Sahara verlassen und ist seitdem das einzige afrikanische Land, welches nicht Mitglied der Afrikanischen Union ist. Die Republik Sahara hat keinen Sitz bei den Vereinten Nationen, die die Aufnahme vom Ausgang eines Referendums über den Status der Westsahara abhängig machen.

Zukunft der Westsahara

Zusammen mit dem Waffenstillstandsabkommen von 1991 wurde vereinbart, dass die einheimische Bevölkerung im Jahr 1992 in einem Referendum über die Zukunft der Westsahara entscheiden soll. Die Durchführung des Referendums scheiterte noch in der Vorbereitungsphase, da sich Marokko und die POLISARIO nicht darüber einigen konnten, wer ein "Einheimischer" ist und somit die Berechtigung hat, am Referendum teilzunehmen: Während die POLISARIO nur die Saharauis, die zu Zeiten der spanischen Kolonialherrschaft in der Westsahara lebten, und deren Nachkommen als wahlberechtigt ansieht, fordert Marokko, dass auch die Mitglieder saharauischer Stämme, die früher in Südmarokko gelebt haben, als Einheimische gelten sollen. Auch ein 1997 erneut unternommener Versuch, ein Referendum zu organisieren, verlief im Sande: Nachdem Marokko und die POLISARIO keine Einigung über die Definition der Wahlberechtigten erzielen konnte, machten die Vereinten Nationen einen Vermittlungsvorschlag, der jedoch nur von der POLISARIO akzeptiert wurde. Im April 2007 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 1754, in welcher Marokko und der Frente Polisario erneut zur Durchführung eines Referendums aufgerufen wurden und die Friedensmission MINURSO bis Oktober 2007 verlängert. Daraufhin fanden unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen in Manhasset bei New York insgesamt vier Treffen zwischen Vertretern beider Seiten statt, die jedoch alle ergebnislos verliefen. Am 21. August 2008 lief außerdem die Mission des persönlichen Beauftragten des UN-Generalsekretärs, Peter van Walsum, aus ohne dass bisher ein Nachfolger ernannt wurde. Die Mission läuft im Moment noch bis April 2009.

Textquelle: Seite „Westsaharakonflikt“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 15. Dezember 2008, 08:48 UTC. URL: http://de.wikipedia.org... (Abgerufen: 13. Januar 2009, 12:24 UTC) Lizenz: CC-by-SA-3.0
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