Die Bürger von Calais (Kunst)

Die Bürger von Calais

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Das Drama von Georg Kaiser

Das Drama Die Bürger von Calais – Bühnenspiel in drei Akten entstand, angeregt von Rodins bereits berühmt gewordener Plastik, 1912/1913 in einer ersten Fassung, fand seine endgültige Form 1914 und wurde am 29. Januar 1917 am Neuen Theater in Frankfurt am Main unter der Regie von Arthur Hellmer uraufgeführt. Das Theaterstück wurde ein großer Publikumserfolg und brachte Georg Kaiser den künstlerischen Durchbruch. Es ist noch heute Schullektüre.

Kaiser setzt die Begebenheit aus dem Hundertjährigen Krieg als bekannt voraus, setzt mitten im Geschehen ein und weicht am Ende wesentlich von Froissarts Chronik ab:

1. Akt: In einer offenen Stadthalle der Stadt Calais treffen sich „Gewählte Bürger“ (Ratsherren), die über weiteren Widerstand oder Aufgabe debattieren. Einer von ihnen ist Eustache de Saint-Pierre, einer der reichsten Männer. Der englische König lässt die Nachricht überbringen, dass er die Belagerung aufhebt, unter einer Bedingung: „[...] sechs gewählte Bürger sollen den Schlüssel vor die Stadt tragen - sechs Gewählte Bürger sollen aus dem Tor schreiten - barhäuptig und unbeschuht - im Kleider der Sünder - den Strick um den Nacken [...] Sechs sollen am frühen Morgen von der Stadt aufbrechen - sechs sollen sich im Sande vor Calais überliefern - sechsmal schnürt sich die Schlinge -; das wird die Busse, die Calais und den Hafen heil bewahrt!“ Eustache de Saint-Pierre meldet sich als erster, danach folgen weitere vier. Die Gebrüder Wissant melden sich gleichzeitig, sodass eine Person zu viel ist. Ein Los soll entscheiden, wer sich nicht opfert.
2. Akt: Die sieben Freiwilligen nehmen Abschied von ihren Angehörigen. Beim Abendessen wollen sie auslosen, wer sich nicht aufopfern muss. Der Versuch misslingt, da Eustache die Lose manipuliert hat, um alle nochmals zum Überdenken ihrer Entscheidung zu zwingen. Man beschließt, dass derjenige verschont wird, der am nächsten Morgen als letzter am Marktplatz ankommt.
3. Akt: Am Morgen kommen alle auf dem Marktplatz zusammen und bereiten sich auf ihren Gang zum englischen König vor, außer Eustache. Man verdächtigt ihn bereits, seine Mitbürger verraten zu haben, als der tote Eustache auf einer Bahre herbeigetragen wird. Um die Notwendigkeit des Opfers zu zeigen, hat er sich in der Nacht das Leben selbst genommen. Am Ende trifft ein englischer Bote ein und verkündet: Dem König wurde in der Nacht ein Sohn geboren, er will „an diesem Morgen um des neuen Lebens willen kein Leben vernichten. Calais und sein Hafen sind ohne Buße vor der Zerstörung gerettet!“ Die Leiche des Eustache wird in die Kathedrale getragen: „der König von England soll - wenn er vor dem Altar betet - vor seinem Überwinder knien!“ Der blinde Vater Eustaches spricht: „Ich habe den neuen Menschen gesehen - in dieser Nacht ist er geboren!“ Das zur Skulptur gefrorene Schlussbild weist auf Rodin hin.

Kaisers „Zeitstück“ gilt als literarisches Dokument und Hauptwerk des expressionistischen Dramas und weist modellhaft die dafür typischen abstrahierenden Stilmittel auf: den Topos des „neuen Menschen“, die Entindividualisierung der Figuren, eine hochartifizielle sowie symbolgeladene Sprache und Bühnenhandlung, die pathetische Steigerung. Die Botschaft, dass die Rettung der Gemeinschaft nur durch das Selbstopfer eines Einzelnen anstelle des sinnlosen Widerstandes aller erreicht werde, entsprach der gängigen expressionistischen Kritik an Bürgertum und Massengesellschaft der wilhelminischen Epoche, die angesichts der gesellschaftlichen Erschütterungen durch den industrialisierten Tod im Ersten Weltkrieg umso schärfer wirkte.

Textquelle: Seite „Die Bürger von Calais“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 3. September 2009, 19:36 UTC. URL: http://de.wikipedia.org... (Abgerufen: 16. November 2009, 23:33 UTC) Lizenz: CC-by-SA-3.0
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