Verhüllter Reichstag (Kunst)

Verhüllter Reichstag

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Planung und Vorbereitung

Verhüllter Reichstag (engl. Originaltitel: Wrapped Reichstag) ist ein Kunstprojekt des Künstlerehepaars Christo und Jeanne-Claude. Im Rahmen des Projekts, dessen Realisierung von 1971 bis 1995 dauerte, wurde das Reichstagsgebäude in Berlin vollständig mit Aluminium-bedampftem Polypropylengewebe verhüllt.

Im Oktober 1961 äußerte Christo in Paris erstmals den Wunsch, ein öffentliches Gebäude, vornehmlich ein Parlament oder Gefängnis, zu verhüllen. Zu Beginn der 1970er Jahre erhielt Christo unerwartet Post von einem in Berlin ansässigen Amerikaner namens Michael S. Cullen, der die Verhüllung des Reichstags in Berlin vorschlug. Die Künstler zeigten Interesse und baten Cullen, sich mit der Beschaffung der nötigen Genehmigungen zu befassen. Cullen bemühte sich, jedoch gelang es ihm und auch den Künstlern selbst zunächst nicht, die Weichen für die Realisierung zu stellen.

Die entscheidende Wende vollzog sich Anfang der 1990er Jahre, nach dem Fall der Berliner Mauer. 1991 sprach sich die deutsche Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth für die Realisierung des Projekts aus und teilte dem Künstlerpaar mit, sie werde „helfen, Ihren Traum, das Reichstagsgebäude zu verhüllen, zu realisieren“. Das Team für die Umsetzung des Projekts bestand zu dieser Zeit aus Christo, Jeanne-Claude, Mike Cullen und drei weiteren Freunden. Um in Berlin mobil zu sein, richteten sie sich in einem Kleinbus ein Büro ein, von dem aus die Arbeiten koordiniert werden sollten.

Bald stellte sich heraus, dass die Lage schwieriger war, als zuerst angenommen, da es neben den zahlreichen Befürwortern des Projekts viele Gegner gab. Diese galt es in ihrer Gesinnung umzustimmen, wofür das Projektteam zahlreiche Überzeugungsbriefe aufsetzte und um Einzelaudienzen, insbesondere bei den Mitgliedern des Bundestags und des Berliner Senats, bat.

Die Überzeugungsarbeit sah folgendermaßen aus: Zuerst wurden die Gründe für das Projekt erläutert. Diese fänden sich im Selbstzweck des Kunstwerks. Es selbst sei von überragender Schönheit und die Umsetzung ein einzigartiges Erlebnis. Dies bringe den angenehmen Nebeneffekt mit sich, dass sich die positive Stimmung, die dadurch vermittelt werde, in der Reaktion der Betrachter widerspiegle. Der zweite Punkt betrifft die Finanzierung. Die nötigen Mittel wurden wie bei jedem Projekt des Künstlerpaars nur durch den Verkauf von Christos Originalarbeiten (Skizzen, Modelle, Zeichnungen, Collagen, Lithografien, frühere Arbeiten etc.) lukriert. Der dritte und letzte Punkt betraf das Argument der Gegner, die Projekte des Künstlerpaars wären eine größere Belastung für die Umwelt. Alle verwendeten Materialien würden nach dem Abbau dem Recycling zugeführt und somit wiederverwertet.

Durch ihre Lobbyarbeit erwirkten die Künstler eine für den 25. Februar 1994 festgesetzte Bundestagsdebatte mit anschließender Abstimmung über die Realisierung des Projekts. Die Abgeordneten entschieden sich mit 292 zu 223 Stimmen für die Umsetzung und damit zu Gunsten der Künstler. Im Vorfeld wurde zusätzlich eine Ausstellung mit Fotografien, Zeichnungen und Collagen der Werke des Künstlerpaars veranstaltet, um die Öffentlichkeit zu informieren und für sich zu gewinnen.

Umsetzung

Nach dem Erhalt der Genehmigung wurde die Verhüllter Reichstag GmbH gegründet, über die ab diesem Zeitpunkt alle Geschäfte abgewickelt wurden. Die Posten des kaufmännischen und des technischen Leiters wurden vergeben, Anwälte engagiert und ein Ingenieursbüro mit der technischen Umsetzung beauftragt. Danach wurden insgesamt zehn Firmen ausgewählt, die für die Herstellung und Bereitstellung der Materialien sorgten.

Da Christo und Jeanne-Claude „das ästhetische Klima, in dem das Publikum ihr Werk verstehen und aufnehmen kann“, selbst hervorbringen, ist der Biograf Jacob Baal-Teshuva der Meinung, dass „technische und statistische Details von wesentlicher Bedeutung für ihre Projekte sind“, er nennt als Vergleich die Rockmusik und generell die Postmoderne Kunst, für die thematische und inhaltliche Fragen oft wichtiger wären als stilistische. Aus diesem Grund ist auch für das Projekt Verhüllter Reichstag die Entstehungsgeschichte samt den technischen Details von besonderer Bedeutung. Insgesamt benötigten die Künstler 109.400 Quadratmeter Aluminium bedampftes Polypropylengewebe, welches von der deutschen Weberei Schilgen hergestellt wurde, 15.600 Meter blaues Polypropylenseil und 200 Tonnen Stahl für die Unterkonstruktion.

Da der Vorgang der Verhüllung selbst zum Kunstwerk gehörte, waren Christo und Jeanne-Claude von Anfang an dagegen, Kräne, Hebsteiger oder Gerüste zu verwenden. Sie wollten, dass die Verhüllungsarbeit von Menschen, durchgeführt wird. Deshalb mussten zusätzlich 90 professionelle Kletterer engagiert werden, die diese Arbeit erledigten.

Nach zahlreichen Stunden intensiver Arbeit und einigen kleineren Pannen und Problemen, konnte die Verhüllung am 24. Juni 1995 abgeschlossen werden. Das 13 Millionen Dollar teure Kunstwerk wurde alleine am letzten Tag laut Polizeiangaben von 500.000 Besuchern betrachtet. Am 7. Juli wurde schließlich mit dem Abbau begonnen. Insgesamt besuchten in den zwei Wochen des Bestehens etwa fünf Millionen Menschen das Kunstwerk. Das gesamte Verhüllungsmaterial wurde nach dem Abbau wie angekündigt dem Recycling zugeführt.

Textquelle: Seite „Verhüllter Reichstag“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 31. Oktober 2009, 10:52 UTC. URL: http://de.wikipedia.org... (Abgerufen: 19. November 2009, 21:46 UTC) Lizenz: CC-by-SA-3.0
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