Die Brücke

Die Brücke

Die Brücke in Dresden

Im Jahr 1902 lernten sich die Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl an der Technischen Universität Dresden kennen. Zur gleichen Zeit schlossen in Chemnitz die Gymnasiasten Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel Bekanntschaft. Zwei Jahre später gingen auch sie nach Dresden, um dort Architektur zu studieren. Über Heckels Bruder, der mit Kirchner befreundet war,  kamen Schmidt-Rottluff und Heckel mit diesem in Kontakt.

Schon bald entdeckten die vier Kommilitonen ihr gemeinsames Interesse an der Kunst und beschlossen, eine Künstlergruppe zu gründen, obwohl keiner von ihnen eine klassische malerische Ausbildung besaß. Ihnen allen war jedoch der Wunsch gemein, die akademische Malweise hinter sich zu lassen und der Kunst eine völlig neue Richtung zu geben. Schmidt-Rottluff und Heckel brachen ihr Studium ab, um sich vollkommen der Malerei widmen zu können.

Der Name Brücke geht auf Schmidt-Rottluff zurück. Nicht abschließend geklärt ist, ob er sich damit auf die vielen Brücken Dresdens bezog, die den Künstlern häufig als Motiv dienten, oder ob es sich um eine Metapher für den Willen zum Uferwechsel in der Kunst und die Überwindung alter Konventionen handeln sollte. Vermutlich stammt der Name jedoch aus Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra, in dem es heißt: Ihr seid nur Brücke: mögen Höhere auf euch hinüberschreiten!  Heckel schrieb über die Namensgebung in sein Tagebuch: Wir haben natürlich überlegt, wie wir an die Öffentlichkeit treten könnten. Eines Abends sprachen wir auf dem Nachhauseweg wieder davon. SR sagte, wir könnten das Brücke nennen – das sei ein vielschichtiges Wort, würde kein Programm bedeuten, aber gewissermaßen von einem Ufer zum anderen führen.

Das genaue Gründungsdatum der Künstlergruppe war lange Zeit umstritten. Kunstkritiker wie Karl Scheffler, Carl Einstein, Will Grohmann und Franz Roh schwankten in ihren Angaben zwischen den Jahren 1900 und 1906. Erst 1973 offenbarte die Entdeckung einer Kirchner-Skizze den 7. Juni 1905 als Gründungstag.
Unmittelbar nach ihrem Zusammenschluss legte die Gruppe das Stammbuch Odi profanum (Hasse das Gemeine) an, nach dem Motto des Horaz (Odi profanum vulgus, Hasse den gemeinen Pöbel), in dem jedes Mitglied seine Ideen und Vorstellungen notierte. 

Kirchners Wohnung und Bleyls Atelier im Dachgeschoss des Hauses auf der Berliner Straße 65 wurden als gemeinschaftliche Arbeitsräume schon bald zu eng. Auf der Berliner Straße 60 in der Dresdner Friedrichstadt mietete Heckel daher einen leerstehenden Fleischerladen, der für Brückekisten als Lager und später von Kirchner als Wohn-, Schlaf- und Arbeitsstätte genutzt wurde. 

Als Atelier diente ein ehemaliger Schusterladen, der über gutes Licht verfügte. Die Räume wurden mit Batiken und Bildern geschmückt und mit selbst angefertigten und bemalten Möbeln eingerichtet. In dieser Umgebung gingen die Künstler ans Werk. In ihren Freundinnen fanden sie die ersten Aktmodelle und widmeten sich nebenbei der Lektüre von Nietzsche, Arno Holz und Walt Whitman. Die Anfangszeit der Brücke war sehr produktiv. Heckel sagte später: Hier [im Atelier] waren wir jede freie Stunde.  Da Heckel seine Bilder jedoch teilweise übermalte und Schmidt-Rottluff die meisten seiner frühen Arbeiten vernichtete, sind aus dieser Phase nur wenige Werke erhalten.

1905 fand im Durchgangsraum der Leipziger Kunsthalle von Beyer und Sohn erstmals eine Ausstellung von Brücke-Bildern statt.  Im Juli 1906 wurden weitere Werke in Braunschweig gezeigt.

Die genauen Zielsetzungen der Künstlergruppe standen zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest. Wovon wir weg mussten, war uns klar – wohin wir kommen würden, stand allerdings weniger fest., erinnerte sich Heckel später.  Das Programm der Brücke wurde 1906 von Kirchner verfasst und in Form eines Holzschnitts der Öffentlichkeit präsentiert. Es lautete: Mit dem Glauben an Entwicklung, an eine neue Generation der Schaffenden wie der Genießenden rufen wir alle Jugend zusammen, und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt. Auch die Bildung eines einheitlichen Gruppenstils zählte zu den erklärten Zielen der Brücke.
Ebenfalls 1906 traten Nolde und Pechstein der Gruppe bei.

Schon früh begann das Werben um Passivmitglieder, die gegen einen jährlichen Mitgliedsbeitrag von 12 und später 25 Mark eine Jahresmappe mit Originalgraphiken der Künstler sowie einen Jahresbericht mit Informationen über die Arbeit der Brücke erhielten.
Bis zum Zeitpunkt ihrer Auflösung hatte die Gruppe 68 Passivmitglieder, vorwiegend Intellektuelle und Angehörige des Bürgertums. In Hamburg waren es zuerst der Jurist und Graphiksammler Gustav Schiefler mit seiner Frau Luise, die im Herbst 1905 von der Gründung der Brücke hörten und nach Dresden reisten. Schiefler erstellte Werkverzeichnisse von vielen Künstlern und begann 1917, Kirchners Druckgraphik zu katalogisieren.

Im Jahr 1907 bat die Hamburger Kunsthistorikerin Dr. Rosa Schapire um Aufnahme als passives Mitglied. Sie widmete ihr Leben den Werken der Brücke-Künstler, hielt Vorträge, erstellte Werkverzeichnisse und stand in regem Postkarten- und Briefwechsel mit den Malern. Der von ihr am höchsten geschätzte Karl Schmidt-Rottluff malte 1911 das Bildnis Rosa Schapire.

Ebenfalls 1907 wurde Martha Rauert, Ehefrau des Hamburger Rechtsanwalts und bekannten Kunstmäzens Dr. Paul Rauert, in die Reihen der passiven Mitglieder der Brücke aufgenommen. Karl Schmidt-Rottluff malte Paul Rauert 1911, Emil Nolde malte ihn 1910 und 1915.

Die Themen der Brücke zu dieser Zeit waren das Stadtleben, Zirkus und Varieté, der Mensch in Bewegung, Tanz, Aktdarstellungen und Landschaften. Sie veranstalteten schon bald Exkursionen aufs Land und in die freie Natur, zum Beispiel nach Goppeln. 1907 entdeckte Heckel durch Zufall die Ortschaft Dangast im Atlas, die von den Künstlern in den darauf folgenden Jahren häufig besucht und in zahlreichen Bildern festgehalten wurde. Auch andere Ausflüge, etwa nach Fehmarn, die Flensburger Förde oder Nidden auf der Kurischen Nehrung wurden unternommen, häufig jedoch nicht geschlossen, sondern in Kleingruppen oder alleine.

Die erste Brücke-Ausstellung in Dresden fand am 24. September 1906 im Mustersaal der Lampenfabrik statt. Ein von Bleyl gefertigtes Plakat, das einen Frauenakt zeigte, war von der Polizei im Vorfeld verboten worden. 

Die Veranstaltung war kein Erfolg. Die Zuschauer blieben fern und auch die Kritiken waren gemischt. Das konservative, monarchisch geprägte Dresdner Publikum reagierte größtenteils ablehnend und schockiert auf die Werke der Maler, ebenso wie auf deren unkonventionelle Lebens- und Arbeitsweise. Von ihren Kritikern wurden sie als „Hottentotten im Frack“ bezeichnet.  In den Folgejahren wurden Wanderausstellungen der Brücke-Künstler in ganz Deutschland gezeigt.
1907 verließ Nolde die Brücke. Auch Bleyl schied aus der Gruppe aus, um einen Lehrauftrag als Architekt in Freiberg zu übernehmen.

Ein Jahr später zog Pechstein nach Berlin. Er sollte ein Haus des Architekten Bruno Schneidereit am Kurfürstendamm ausmalen und richtete sich dort ein Atelier ein. Heckel und Kirchner besuchten ihn mehrmals. Pechstein berichtete später: „Als wir in Berlin beisammen waren, vereinbarte ich mit Heckel und Kirchner, dass wir zu dritt an den Seen um Moritzburg nahe Dresden arbeiten wollten.“ 

Das Ziel dieser Ausflüge war die Darstellung der Harmonie von Mensch und Landschaft. Die Künstler wollten den Menschen in seiner wahren Natur darstellen, deswegen waren zum Beispiel Badende ein sehr beliebtes Motiv. Als Aktmodelle dienten neben Freunden der Künstler auch Kinder. Besonders die neunjährige Fränzi wurde von den Brücke-Malern gern und häufig porträtiert. Pechstein war der Meinung, dass die Arbeit an den Moritzburger Seen das Wirken der Gemeinschaft „abermals ein großes Stück vorwärts gebracht“ habe.  Um diese Zeit war erstmals ein einheitlicher Gruppenstil erkennbar.

1910 wurden Pechsteins und Noldes Bilder von der Berliner Secession abgelehnt. Dies hatte die Gründung der Neuen Secession (siehe auch Georg Tappert) unter Pechsteins Leitung zur Folge, der aus Solidarität auch die übrigen Brücke-Mitglieder beitraten. Im Mai 1910 fand im KunstSalon Macht an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche die Protestausstellung „Zurückgewiesener der Secession Berlin“ statt. Die Kritiken fielen vernichtend aus. Max Osborn schrieb, wenn die Gruppe auf diesem Weg blind weitertappe, werde das Ende ein großes Fiasko und ein ungeheurer Katzenjammer sein.  Pechstein notierte in seinen Erinnerungen: „Man bespie unsere Bilder, auf die Rahmen wurden Schimpfworte gekritzelt und ein Gemälde von mir (…) von einem Missetäter mit einem Nagel oder Bleistift durchbohrt.“  Infolge dieser Ausstellung trat Otto Mueller als letztes Mitglied der Gruppe bei.

Textquelle: Seite „Brücke (Künstlergruppe)“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 16. März 2010, 21:02 UTC. URL: http://de.wikipedia.org...(K%C3%BCnstlergruppe)&oldid=71974705 (Abgerufen: 30. März 2010, 15:48 UTC) Lizenz: CC-by-SA-3.0
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