Historismus

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Historismus

Portrait

Der Ausdruck Historismus bezeichnet in der Stilgeschichte eine Stilrichtung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, bei der man auf ältere Stilrichtungen zurückgriff und diese nachahmte. Anders als im Klassizismus wurde nicht nur versucht, die Architektur der klassischen Antike (wie sie in Rom gefunden wurde) zu kopieren, sondern es wurden Architekturformen anderer Epochen, die nunmehr als gleichwertig anerkannt wurden, nachgeahmt. Einen großen Einfluss übte dabei die Romantik aus, die einen Sinn für das historisch Bedingte entwickeln half.

Gelegentlich wurden auch mehrere Stile in einem Gebäude gemischt, diese teilweise recht wahllosen Kombinationen nennt man Eklektizismus. Andere Bauwerke zitieren historische Motive, lassen sich aber keinem konkreten Stil zuordnen.

Bauten

Zu dieser Zeit stand die Architektur vor neuen Aufgaben: Die Industrielle Revolution erforderte den Bau von Bahnhöfen, Fabriken und Wassertürmen. Zur Linderung der Wohnungsnot mussten mehrstöckige Zinshäuser errichtet werden, das aufstrebende und zusehends wohlhabende Bürgertum verlangte nach Villen und großen Stadtwohnungen in repräsentativen Gebäuden.

Teilweise wurden verschiedenen Baustilen unterschiedliche Funktionen zugeschrieben: Kirchen wurden im Stil der Gotik oder der Romanik gebaut, Banken und Bürgerhäuser im Stil der Renaissance (der großen Zeit der Stadtkultur vor allem in Italien), Adelspalais und vor allem Theater im Barockstil, Fabrikhallen dagegen im "englischen Stil" (meist mit unverputzten Backsteinfassaden).

Viel Wert wurde auf Repräsentation gelegt, wobei funktionale Aspekte gelegentlich untergeordnet wurden (siehe Universität Wien). Dies ist einer der Gründe, warum der Historismus vor allem Mitte des 20. Jahrhunderts häufig kritisiert wurde. Auch wurde kritisiert, dass architektonische Zutaten wie Säulen, Medusenköpfe und Akantusblätter rein dekorativ zur Erzeugung einer "historischen Atmosphäre" seien.

Der Historismus kam mit dem Ende des ersten Weltkriegs und dem Machtverlust der bis dahin stilbildenden Schichten des Adels und Großbürgertums zu einem abrupten Ende. Ab den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts dominierten zusehends weniger komplexe Baustile, die dem Geschmack breiterer Schichten entsprachen.

Stilphasen

Stilgeschichtlich unterscheidet man zwischen romantischen Historismus (vor 1870), strengen Historismus (1870-1890) und Späthistorismus (nach 1890).

Der Romantische Historismus zeichnet sich durch eine langsame Ablösung vom Klassizismus aus. Bevorzugter Stil sind Neugotik und Neorenaissance, allerdings werden immer wieder "stilfremde" Elemente kombiniert, so dass es sich um keine einfache Nachahmung der historischen Stile sondern um subjektive Interpretationen handelt. Auch Elemente aus nicht-westeuropäischen Stilen (etwa maurisch oder byzantinisch) werden kombiniert. Dies drückte sich auch in einem zeitgenössischen Spottgedicht gegen zwei prominente Architekten dieses Stils aus, deren Hofoper die Zeitgenossen enttäuscht hatte: Sicardsburg und van der Nüll / Haben beide keinen Stüll / Gotisch, Griechisch, Renaissance / Das ist ihnen alles aans.

Der Strenge Historismus dagegen versucht "reine Elemente" des vergangenen Formvokabulars kunsthistorisch korrekt zu kombinieren. Der Subjektivismus des romantischen Historismus wird abgelehnt, versucht wird einen lehrbaren und objektiv richtigen Stil zu finden, der sich aus den Formendetails ableitet. Bevorzugter Stil ist die Neorenaissance.

Im Späthistorismus wird die Orientierung an die Renaissance durch eine Orientierung an den Barockstil (Neobarock) abgelöst. Die strenge Orthographie der vorhergehenden Phase löst sich zugunsten einer freieren Interpretation der Dekorelemente, die auch nicht mehr streng linear angeordnet werden. Ausbuchtende Erker, Risalite, Kuppeln und ausladende Balkone werden beliebt. Allgemein ist ein Zug zu übersteigerter Monumentalität zu beobachten. Einzelne Elemente (etwa die Blumendekors) weisen gelegentlich schon auf den Jugendstil.

Überspitzt könnte man also sagen, dass der Historismus mit seinen Anfängen in der Neugotik und seinem Ende im Neobarock die abendländische Baugeschichte der frühen Neuzeit noch einmal durchläuft.

Textquelle: Artikel Historismus. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 2. November 2006, 16:38 UTC. URL: http://de.wikipedia.org... (Abgerufen: 3. November 2006, 12:46 UTC) Lizenz: CC-by-SA-3.0
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